Forumbeiträge

Rebekka Wigger
08. Apr. 2022
In Familie & Gesellschaft
Zum Zeitpunkt meiner ersten Schwangerschaft war ich 29 Jahre alt und seit ein paar wenigen Jahren als Hebamme in Zentrumsspitälern tätig. Die Arbeit machte mir Freude, zugleich fühlte ich mich in diesen grossen Spitälern «fehl am Platz»: Die Geburtshilfe war allzu oft geprägt von Angst und Kontrolle, statt Vertrauen und achtsamer Wachsamkeit. Dieses «Angstdenken» hatte mich gegen meinen Willen geprägt, dessen war ich mir bewusst. Dennoch spürte ich weiterhin tief in mir drin das verschüttete Vertrauen, das nur darauf wartete, wieder in mein Leben integriert zu werden. Ich hatte aber keine Ahnung, wie ich dies tun sollte. Ich bat deshalb das LEBEN, sich «etwas einfallen» zu lassen, um mich von diesem angstfokussierten Denken und damit auch von diesen Institutionen zu lösen. Innerhalb kurzer Zeit durfte ich zwei Geburten mitbegleiten, die mich zutiefst bewegten und prägten, dann wurde ich selber schwanger. Meine Schwangerschaft war geprägt von Freude und gleichzeitig grosser Unsicherheit. Die angesammelten Geschichten der letzten Berufsjahre belasteten mich oft. Dazu kam der Druck «es gut machen zu wollen» … Mein Kopf arbeitete auf Hochtouren… zwar nahm ich einen Teil meiner Unsicherheit und Ängste wahr und kümmerte mich so gut es ging um sie, aber es war wohl nur die Spitze des Eisberges. Der Geburtszeitpunkt rückte näher, und damit stieg die Spannung, wie und wann unser Kind kommen würde, und wie ich mit der Geburt, dem Schmerz und den Wehen umgehen würde. Ich sah damals die Geburt als eine Art Leistung, die ich alleine zu erbringen hatte. Und ich setzte mich innerlich wahnsinnig unter Druck, es gut - oder eben sogar perfekt zu machen. Ich hatte mir von Anfang an eine Hausgeburt gewünscht. Die Ruhe, die Intimität und das Vertrauen in meine Hebamme waren mir sehr wichtig. Der Wehenbeginn war zögerlich, zugleich aber quälend schmerzhaft, weil unser Baby sich nicht richtig ins Becken eindrehen wollte. Nach einer durchwachten Nacht fühlte ich mich komplett erschöpft und zutiefst verzweifelt: ich wusste allzu genau, dass die effektive Geburt noch gar nicht begonnen hatte. Meine Hebamme motivierte mich, meinem Körper nochmals eine Stunde Zeit zu geben, um danach zusammen zu entscheiden, wie es weitergehen sollte. Dies war der Moment, wo ich innerlich vor Erschöpfung und Verzweiflung kapitulierte: ich hatte alles gemacht, was für mich machbar war, alles gegeben, was ich hatte- und war dabei keinen Schritt vorwärts gekommen. Ich konnte nicht mehr. Ich bat in meinem tiefsten Innern jene Kräfte um Hilfe, von denen ich zwar genau wusste, dass sie da sind, für die es in meinem Leben aber so wenig Platz gab, weil ich dachte, dass ich alles selber machen musste. Und ich bat unser Kind, mir zu helfen, wenn es daheim auf die Welt kommen wollte. Dies war der Wendepunkt in Ailas Geburt. Ich hatte die Kontrolle abgegeben und überliess den grösseren Mächten, meinem Kind und meinem Körper das Steuer. Ich verbrachte meine Wehenpausen in einer Art Tiefschlaf, der alle 5 Minuten von einer kräftigen Welle unterbrochen wurde. Danach tauchte ich augenblicklich wieder in einen traumlosen Schlaf ab. In dieser Phase konnte ich unglaublich viel Energie tanken, die mich durch die nochmals 7 Stunden dauernde Geburt trug. Erst später begriff ich, wie viel Heilung mir Ailas Geburt geschenkt hat: Das Vertrauen in den Frauenkörper und in die geheimnisvolle Gesetzmässigkeit der Geburt wurde mir zurückgegeben. Das Vertrauen in meinen eigenen Körper und seine unglaubliche Kraft wurde bestärkt. Die Gewissheit, dass diese wunderbaren Kräfte wirklich da sind und nur darauf warten helfen zu dürfen… Das Wissen, dass ich um Hilfe bitten darf! Dass ich es nicht alleine schaffen muss… Ein einziges, riesiges Geschenk.
1
2
12

Rebekka Wigger

Weitere Optionen