"Hexen" eine Stimme geben

Zum 50-Jahre-Jubiläum des Frauenstimmrechts haben wir uns dem Thema der Hexenverfolgung in der Schweiz angenommen. Die Hexenverfolgungen im Europa des 15.-18. Jahrhunderts waren für die damaligen Obrigkeiten eine bequeme Lösung um Erklärungen für Probleme wie Missernten, Unwetter oder Krankheiten zu liefern. Die Opfer der Hexenverfolgungen waren mehrheitlich Frauen und sie mussten fast alle mit ihrem Leben dafür bezahlen. 

Sursee als Hochburg der Hexenverfolgung

Die Stadt Sursee war eine traurige Hochburg der Hexenverfolgung. Auf 900 Einwohner wurden in der Stadt 60 Personen unschuldig als «Hexen» hingerichtet. Im Verhältnis zur Einwohnerzahl wurden damit viel mehr Menschen als «Hexen» verurteilt als im Durchschnitt der Schweiz oder im Durchschnitt Europas. Die erste Frau wurde hier bereits 1423 verbrannt, mehr als 60 Jahre vor der Herausgabe des berüchtigten «Hexenhammers». Das Buch des Inquisitors Heinrich Kramer lieferte genaue Vorgaben, wie Hexen gefoltert und getötet werden sollten. Und es hatte explizit Frauen als schwaches Geschlecht zum Ziel. Diese seien für schwarze Magie anfälliger als Männer und schon bei der Schöpfung benachteiligt gewesen, da Gott Eva aus Adams Rippe schuf. Frauen wurden als „Feind der Freundschaft, eine unausweichliche Strafe, ein notwendiges Übel, eine begehrenswerte Katastrophe, eine häusliche Gefahr, ein erfreulicher Schaden, ein Übel der Natur“ bezeichnet, welche klare «Defizite im Glauben» auswiesen. Viele der Hexen gingen «einen Pakt mit dem Teufel ein» und vermählten sich mit ihm. Sie flogen mit Besen und nutzten spezielle Salben, um Mensch und Tier Schaden zuzufügen. Willkürliche Anklagen, die heute nicht mehr nachvollziehbar sind.

Aufarbeitung der Geschichte


In Sursee fand bereits 2008 im Sankturbahnhof eine Ausstellung zur «Hexenverfolgung in Sursee und anderswo» statt. Auch das Theater Somehuus hat 2019 in seiner Jubiläumsproduktion die Hexenverfolgungen thematisiert. Seit 2020 organisiert die Stadt nun Führungen zum Thema «Tatort Sursee: 59 Frauen und ein Mann unschuldig hingerichtet», in welcher die Geschichten der Verurteilten an den Originalschauplätzen erzählt werden. Im Jubiläumsjahr des Frauenstimmrechts wollten wir als Verein einen Schritt weiter gehen und die Ehre der unschuldig Verurteilten wiederherstellen.

Ethisch- moralische Rehabilitation

 

Die Frauen, die in Sursee hingerichtet wurden, waren keine Hexen. Dank der Geschichtsaufbereitung der Stadt Sursee wissen wir heute, dass sie unabhängig, selbstbewusst, eigenwillig oder einfach unangepasst waren. Oder es waren auswärtige Frauen, ein willkommener Sündenbock in schweren Zeiten. Die Frauen haben nichts falsch gemacht und waren einfache Opfer der damaligen sozialen, wirtschaftlichen, religiösen und strafrechtlichen Bedingungen. Unter Mitwirkung der Stadt, der Kirche und der Anna Göldi-Stiftung haben die 59 Frauen und der eine Mann im August 2021 ihren Platz in der Gesellschaft wieder zurückerhalten. Die "Hexen" wurden durch die talentierten Künstlerinnen des Frauenchors VIDAS und der Tanzakrobatin Sardine Sauvage dargestellt, welche sichergestellt haben, dass die Stimmen der Opfer während des Anlasses immer wieder gehört wurden.

 

Nach einer Begrüssung unserer Präsidentin Amanda Jud hat Walter Hauser, der Präsident der Anna-Göldi Stiftung, über die Geschichte der Hexenverfolgung in der Schweiz und den harzigen Weg zur Rehabilitation der letzten Hexe Europas, Anna Göldi, erzählt. Nicole Bättig vom Stadtarchiv Sursee ergänzte danach die lokale Geschichte mit der Schilderung von konkreten Einzelheiten und Schicksalen. 

 

Die wichtigen Vertreterinnen der Stadt und der Kirche, die Stadtpräsidentin Sabine Beck und die Pfarreiseelsorgerin Daniela Müller, äusserten ihr Bedauern und setzten ein klares Zeichen für die Wichtigkeit der Gerechtigkeit sowie der gelebten Menschlichkeit und Solidarität. Sie waren es auch, die die alle Namen der Verurteilten einzeln aufriefen und allen Künstlerinnen, die die Hexen eindrücklich darstellten, ein Namensplättchen mit Rose als Zeichen der Wiederaufnahme in die Gesellschaft überreichten. Als letzte Geste wurde den Künstlerinnen ein Plättchen ohne Namen für alle weiteren unschuldigen Opfer, deren Namen wir nicht kennen, zusammen mit einer weissen Kerze überreicht. 

 

50 Jahre Frauenstimm- und Wahlrecht


Alexandra Jud stellte während des Anlasses den Bezug zu heute dar, und machte klar, dass die jahrhundertelange Benachteiligung und Unterdrückung von Frauenstimmen nicht von heute auf morgen verschwindet. Die Gesetze, die Normen und die Rollenbilder, nach welchen unsere Gesellschaft auch heute noch lebt, wurden jahrhundertelang ausschliesslich von Männer geprägt. Diese Denkmuster und Rollenbilder prägten auch den langen und steinigen Weg der politischen Pionierinnen der Schweiz. Sie mussten über Jahrzehnte hart kämpfen, bis das Frauenstimm- und Wahlrecht 1971 endlich angenommen wurde. Erst seit 1981 sind Mann und Frau in der Bundesverfassung gleichgestellt und seit 1996 gibt es ein Gesetz, welches für die Umsetzung dieser Gleichstellung sorgen soll. Und auch im Jahre 2021 gibt es noch viel zu tun. Grosse Themen sind zum Beispiel gleicher Lohn für gleiche Arbeit oder eine bessere Vereinbarkeit zwischen Familie und Beruf.

Mit der Rehabilitation der Hexen wollten wir auch ein symbolisches Zeichen setzen und zeigen, dass jeder Mensch, und aufgrund unserer Geschichte speziell jede Frau, wichtig ist und Raum für sich und seine Bedürfnisse einnehmen darf. Unabhängig davon, was die geltenden Normen & Rollenmuster sagen. Mit der ethisch-moralischen Rehabilitation unserer Vorfahrinnen haben alle Frauen wieder die Erlaubnis erhalten, diesen Raum für sich zu beanspruchen. In einer Gesellschaft, die offen und tolerant ist und seine Mitbürger nicht für unterschiedliche Auffassungen oder Meinungen verurteilt. In einer Gesellschaft, in welcher alle Stimmen zählen und gemeinsam neue Normen und Rollenbilder geschaffen werden können.

Photocredit: Bruno Raffa, Muriel Glaser

Das Städtli Sursee aus einer ganz neuen Perspektive während der Darstellung der Tanzakrobatin Sardine Sauvage, welche den Kampf der "Hexen" und den Ausbruch aus dem Rathaus zeigt, in welchem die Frauen verhört und gefoltert wurden. Zeitgleich symbolisierte sie auch den Ausbruch aus ausgedienten, alten Denkmustern und Rollenbildern.

Videocredit: Bruno Raffa, www.360cbfoto.ch

Die gesamte Medienberichterstattung zum Event findest du HIER.

Vielen herzlichen Dank an alle unsere Hauptsponsoren und Sponsoren. Ohne eure Unterstützung wäre ein Event in diesem Umfang nicht möglich gewesen. 

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